Das reiseskeptische Globetrotter-Magazin

Konferieren in Rotterdam

22.09.2015 17:51

 

Sven (32) musste als Anlageningenieur für Grenzsicherungssysteme an einer kurzfristig anberaumten Konferenz in Rotterdam teilnehmen. Es sollten „zukunftssichernde Visionen für eine minimalinvasive und diskrete Verteidigungsautomatik der Außengrenzen der EU“ (Geheimname des von Frontex ausgerichteten Treffens) erörtert werden. Da es weniger um technische Details, geschweige denn um konkret Gegenständliches ging, boten sich Sven die ungezählten Vorträge, Animationsdias, Poster und Filmchen als Schauspiel verbaler Abwehr des Zuschauerinteresses dar.

In der Mittagspause fand Sven einen coffee shop und darin aufmersamkeitsabmildernde Rauchkräuter. Als sich abends beim unvermeindlichen socializing mit den der Flüchtlingsabwehr zugeneigten Kollegen Svens Wahrnehmung wieder unangenehm zurückmeldete, fand sein Smartphone ein interessantes Ziel für den Abendausklang: einen vierstöckigen coffee shop. Die restlichen drei Tage der Dienstwoche verkürzte er auf gefühlte drei Schäfchenstündchen tranquilisierenden Hirnkribbelns, und auf einmal hatten die gegen den Rest der Welt gerichteten Vorträge etwas sanft-beschwingtes.

 

Rotterdam aus Svens Sicht

 

Doch am letzten Tag wollten Svens Beine kaum den Hotelbett entsteigen, so hatten die Kräuter auch seinen Antrieb besänftigt. Vom Vortag wusste er gerade noch, dass sein Chef ihm verkündet hatte, dass Sven am dem folgenden Arbeitstag an Pläne für ein blutfrei ausschaltendes Automatikfeuer-Werk austüfteln sollte. Auf dem Weg zur Konferenz erkannten seine geröteten Seeschlitze eine Bude an der Hauptstraße zum Konferenzort eine Bude mit dem Namen Chinese Acupunctur. Ein Instinkt seines Kleinhirns lenkte seine Füße hinein.

Drinnen beantwortete er die Fragen des diensthabenden Behandlers aus Fernost: Problem? - no energy. Stomach?, Organs? ... - everything okay. Smoking? Der Behandler führte im die Tätigkeit Luft saugend und mit zwei Fingern eine Luftzigarette haltend aus. Sven verneinte nach einer Wartesekunde, die aber auch der Nachwirkung des Grases geschuldet sein konnte. Ehe Sven sich versah, lag er zuerst bäuch-, dann rückliings auf einer Liege und spürte, wie etwas Kräftiges seine Fleischfalten an Rücken, Lenden und Oberschenkeln abklemmte. Es folgte ein spitzer Schmerz, der vom Hüftende her auf sein Tränenzentrum drückte. Ein dutzender weiterer Schmerzstiche folgte. Doch die multiple Pein ging mählich in Wärme über. In Wärme, die seinen Körper das Rückgrat aufwärts beheizte wie ein Atomreaktor eine Kleinstadt. Für nur fünzig Euro war Sven energetisch wieder betankt. Bei der abendlichen Rückfahrt im Zug bestaunte er die ihm davor durch inneren Nebel verstellte Architektur und den Welthafen Rotterdams. Am dann am folgenden Tag frisch, fromm, fröhlich und frei an sein Ingenieurswerk zum Schutze Europas vor dem Rest der Welt zu gehen.

 

Nimmt ein Ingenieur Drogen, kommt er auf merkwürdige Gedanken.

 

 

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Sockentragen in heißen Gefilden ergibt eine Fußnote.