Das reiseskeptische Globetrotter-Magazin

Fit for life in Marokko

25.01.2014 10:40

Marokko bereisen Sie am besten alleine. Angekommen bekommen Sie sogleich Gesellschaft: den Mann begrüßen Wegelagerer, Nepper, Schlepper, Touristenfänger und Fremdenbeschwörer; der Dame wartet dasselbe Personal auf, nur dass man ihr neben dem Pekuniären auch nach dem Schoß trachtet.

Kevin E. (20) aus Franfurt/Main war zum ersten Mal überhaupt allein gereist und wusste hernach folgendes zu berichten:

  • freundlich auf eine Gratisstadttour eingeladen, dafür am Ende gezahlt ― für einen Spießrutenlauf mit Dauerkaufzwang beim mit dem Guide befreundeten Juwelier, Lederhändler, Glitzerlampendrechsler, Teppichtandler, Stinkfarbengerber u.v.m.
  • einen jungen Mann mit Geld gerettet, weil dessen vaterlose Familie mit blinder Mutter und sieben unterernährten, behinderten Geschwistern sonst den Tag nicht überlebt hätte
  • die Qualen einer giftzahnlosen Kobra gesponsert
  • von Berberkindern Glasperlen geschenkt bekommen und daraufhin Geld zurück schenken müssen
  • kostenlos eine Moschee/Kirche/Synagoge besucht und nachher großzügig der Gemeinde gespendet
  • von einem Achtjährigen, der mit routinierten Gesten frauliche Rundungen nachzeichnen kann, zu einer Massage berbère genötigt worden
  • vom Taxifahrer eine Einheimische zur Heirat angeboten bekommen und dazu ins falsche Hotel chauffiert worden
  • mit der Aussicht auf Panoramablick auf ein Dach gelockt und dann eine individuelle, mehrstündige Teppichdarbietung mit Bietzwang erhalten
  • mit günstigem Haschisch versorgt, zufällig von der Polizei gefilzt worden und schließlich ohne Haschisch und um eine vierstellige Eurosumme erleichtert wieder freigekommen
  • Liebesbetrug

Psychotherapeuten empfehlen Marokko Patienten, die nicht nein sagen können oder nicht von dem Wahn zu befreien sind, prominent sein zu müssen. So fühlte es sich für Kevin an, als er an jeder Straßenecke aus einem Dutzend Kehlen hörte „hello my friend“, „wie geht’s Dir?“, „mon ami, brauchst du Frauen, Drogen, Waffen?“.

Wo im Arabischen Stehlen bei Handverlust verboten ist, gilt Betrug als guter Brauch, schließlich hat der Übervorteilte einem schlechten Geschäft selbst zugestimmt. Doch den bedauernswerten Marokkanern, die sich mit dem Verkauf abgegriffener Illustrierter und flügelbrüchiger Tauben die Hand in den Mund verdingen müssen, ist kein Vorwurf zu machen. Schuld hat allein das Wohlstandsgefälle. ― Ohne dem kein Billigurlaub für Individualtouristen und Ethnologiestudent Kevin.

Zurück aus Marokko hatte der nach persönlicher Weiterentwicklung strebende Kevin Fähigkeiten erlernt, die ihm in Deutschland das Leben erschwerten: Er grüßte nicht mehr zurück, hielt jeden für einen Halunken und verließ bei jedem Einkauf unter genitalen Flüchen über den verlangten Preis den Laden. Als sich seine peinlich berührte Freundin Iris darüber beklagte, antwortete er aus dem Rückenmark: „Muschi Deiner Mutter!“

 

Karawane mit Müllanhänger (Tunesien)

 

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