Das reiseskeptische Globetrotter-Magazin

City-Camping

19.06.2016 16:53


Die Bienchen wissen es schon lange: Die vermeintlich gute Landluft ist oft mit Pestiziden angereichert. Die Folge: weniger Honigschlecken und ein Bestäubungs-Defizit. Auch Menschen vergeht heute oft die Landlust. Grund ist die Landflucht: Wo es keine Eingeborenen mehr gibt, kann sich der Tourist nicht mehr als Eindringling fühlen. Mit den Menschen verlassen auch die Autos die Provinz, Landfahrzeuge in Gestalt von SUVs erobern dafür die urbanen Landschaften. Dabei sind SUVs (Sport- und Nutzfahrzeuge) das Vehikel des Naturgedankens in der Stadt, denn ihre Profilreifen verbreiten Schlamm, und die hohen Fahrgestelle überrollen ohne Gefahr für die Insassen naturidentische Hindernisse wie Stolperschwellen oder Fahrräder.
Komplett wird das urbane Country-Gefühl jedoch erst, wenn man im Wohnwagen sein Bett mit sich führt, sei es die Schlafkoje oder das Zelt. Trendtouristen übernachten chillig neben echten Stadtnomaden. Wer sein Campingzelt in Berlin, London, New York aufschlägt, hört statt Vogelgesang und Spechtrhythmen die Beats rauflustiger Einwohner, die sich die Nacht um die Ohren schlagen. Indes offenbart der City-Trend beim Camping eine langexistierende Sehnsucht vieler Freunde von Tipi und Plumsklo: Der traditionelle Camper mag es gerne eng, nass und umbequem. Damit solidarisiert er sich mit hunderttausenden Flüchtlingen in Deutschland, die diese Art von Urlaub monatelang in Zeltstädten erleben durften.

Der biodynamisch geprägte Camper 2.xl dagegen schätzt die Möglichkeit eines Luxusbrunches nach langer Nacht im Stretch-Mobil und einer vollumfänglich-ganzkörperlichen Wellness im Spa. Er weiß die geringe Anzahl von Dorfdeppen im gepflegten Rustikalambiente eines "Altmünchner Bistrots" (Gerhard Polt) und den intellektuellen Austausch mit anderen Landhaus-Experten zu genießen.

Schwierig wird es jedoch, wenn zum Biogefühl belastende politische Inhalte kommen. Mitglieder dieses dritten Typus von Urbancamper zählen sich meist zur Occupy-Begegnung und überfrachteten ihren Camping-Urlaub vor Banken oder Institutionen der Weltherrschaft mit den Negatigvibrations linker Parolen. So müssen sie sich mit camping-skeptischen Polizeikräften auseinander setzen. Doch es besteht Hoffnung, dass sie durch Zahlung moderater Ablösesummen bald ins Lager des zweiten Typus wechseln können.
 

Travelmag Heimweh meint: Die Pampa fühlt sich aus der Ferne des Großstadtdschungels besser an - und umgekehrt.

 

City-Camping vor hochbewachten Banken wie hier in Frankfurt eignet sich nur für Yogaprofis, die bereits inmitten von Verkehrsinseln meditiert haben.

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Sockentragen in heißen Gefilden ergibt eine Fußnote.