Das reiseskeptische Globetrotter-Magazin

Berlin

29.12.2013 11:17

Stellen Sie sich vor, Sie wären Künstler mit bislang nur selbsterkanntem Talent und dünnem Portemonnaie. Sie würden in die mit Abstand billigste Großstadt Europas ziehen, nicht wahr? Diese Idee hatte der Gitarrenliedermann Marvin (23) aus San Francisco, aber Tausende andere auch. Durch sie glaubte Marvin, Berlin sei eine vielfach angesagte Künstlerstadt. Eine Einschätzung, die ihm all die internationalen Künstlerkollegen bestätigten.

Da die Stadt so pleite wie ihre Einwohner und Einwanderer ist, kann sie sich nicht darum kümmern, wer wo was aufführt bzw. performiert. Was dann als Liberalität missverstanden wird. Marvin fühlte sich von Kollegen aus Australien, Georgien und China zu Liedern über die welteinigende Eigenheit der Kunst inspiriert. Seine Einschätzung war richtig, wenn auch nur deshalb, weil Marvin aus Unkenntnis der kulturellen Hintergründe die einheitliche Einfalt ihrer Werke nicht erkannte. Alle waren klamm und ergo authentische Artisten. In Berlin schaukelt sich gegenseitig hoch, was alleine niemals schwimmen könnte.

Berlin ist groß. Berlin ist hässlich. Berlin ist so groß und hässlich, dass die Schreckgestalt von Kreuzberg, Neukölln und Co. als Konzept („Kiez“) missverstanden wird. Künstler wie Marvin glauben gar, eine coole Stadt brauche überhaupt keine Architektur. Dass Berlin Preußens Hauptstadt und Preußen Erfinder der bedeutendsten deutschen Untugenden (Autoritätshörigkeit, Drill, Militar- und Nationalismus) und Organisationszentrum des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte war, wird, wie alles Unangenehme, leicht erträglich, wenn man es als Folklore verklärt.

Aber selbst Berlin hat noch andere Seiten: den für Milliarden aufbetonierten Sterilbezirk Mitte mit den Unwirkstätten der Bundesregierung und den Kneipen all der für sie arbeitenden Landsmannschaften von der schwäbischen Südalm bis Mittelfranken von Ostwestfalen bis Nordfriesland. Dazu das Promidorf Prenzlauer Berg, authentische Unfreundlichkeit und Gentrifizierung, die Trabantenstadt Marzahn, wo man die DDR für eine ausgeknockte Kampfsportart hält, die Brachlandreservate der Bahn, die ungezählten Kioske für Morgentrinker usw.

An einem smogtrüben Morgen lernte Marvin die Frühzecherin Marianne (37) mit der gleichermaßen gebenden wie nehmenden Schnauze kennen. Begeistert, wie viel pralles Leben sie ihm schenkte, machte er mit ihr den Tag zur Nacht. So blieb ihm, im Gegensatz zu seinen polyglotten Künstlerkumpels, erspart, tagsüber ausnüchtern zu müssen. In der Folge erlangte sein Körper bereits mit 25 die Reife von 45 und seine Stimme durch Billigschnaps das erwünschte Whiskey-Timbre. Mit 27, als Marianne an den Tresen Edens wechselte, und sich statt anderer Damen zunehmend die Streetworker für ihn interessierten, erkannte Marvin die Zwiespältigkeit seiner Entwicklung. Er schrieb den Song Too Young To Die Old, intonierte ihn auf dem Troittoire mit ungespielter Dramaturgie und bekam auf einmal Münzen in großzügiger Anzahl in den Schlapphut geworfen.

 

 

Hält sich mit Glücklichkeit bedeckt: der Berliner Bär.

 

Durchsuchen

Sockentragen in heißen Gefilden ergibt eine Fußnote.