Das reiseskeptische Globetrotter-Magazin

Aggrotourismus: friedlich werden durch Farmarbeit

25.03.2016 15:41

In wenigen Domänen des Tourismus fällt der Schulterschluss zwischen Angebot und Nachfrage so eng aus wie beim Aggrotourismus. Auf der einen Seite der Feriennehmer: so genervt von seinen Aggrokindern, dass er vor Freude aufspringt, wenn er ans Hamsterrad der Arbeit flüchten darf. Problem nur: auch den Urlaub muss er mit seinen Blagen verbringen. Zuhause droht bei längerer Anwesenheit die zum Zweck der Kinder-Übertönung aufgedrehte High-End-Anlage Schaden zu nehmen. Einzig erfolgversprechend: Eltern und Kindern bauen gemeinsam ihre Aggressionen ab.

Der Feriengeber hingegen verfügt über einen Bauernhof, der viel mehr Arbeit generiert als Einnahmen. Die besten Arbeitskräfte sind entgegen der landläufigen Meinung nicht die Schlechtverdiener, auch nicht die Sklaven, sondern die, die fürs Arbeiten sogar Geld bezahlen. Der Arbeitgeber (!) muss die Maloche bloß als Ökoengagement verkaufen, schon dürfen Eltern und Kinder ihren fehlgepolten Strom in Biokäse und Gülle-Energie umwandeln. Am Ende fehlt der Familie schlicht die Power, um weiter zu streiten, man ist sich wieder grün; und der Ökobauer ist zum Aggro-Agronom geworden.

 

Doch was in der Theorie flutscht wie der Handschuh des Veterinärs in den Kuheingang, hat seine Tücken in der Praxis. Nicht so, wenn sie ein paar einfache Regeln beherzigen:

 

Aggroferien-Geber

  • Hüten Sie sich davor, Ihre Strohkammern billig zu vermieten. Besonders ist nur besonders, wenn es besonders viel kostet.
  • Behandeln Sie die Ferienarbeiter wie sonst den niedersten Knecht und holen Sie alles aus ihm raus. Nur so baut der Gast seine Aggressionen komplett ab, und Ihre Schweine werden kälbchengebenden Wollmilchsäue.
  • Raue Retrositten sind wie alles, was retro ist, gut. So stünden z.B. komfortable Sanitäranlagen einem authentischen Bauernhofurlaub und Ihrem Wirtschaftsplan entgegen.
  • Der Bauer beginnt das Mahl und beendet es. Damit wird der Arbeitsgast nicht mehr gefüttert als nötig, und Aggressionen können sich nicht erholen. Menütipp: Brotsuppe mit Wasser.
  • Der Tag beginnt für den Erlebnisurlauber mit dem Kuhmelken um 5h und endet mit dem Weintrauben-Treten um 24h.

 

Aggroferien-Nehmer

  • Ein Agrarbetrieb ist kein Ponyhof. Sie sind hier nicht zum Reiten, es sei denn ein Pferd muss zum nahen Schlachthof.
  • Jedes Körperteil, das nicht wehtut, ist ein Indiz für ungenügendes Engagement.
  • Landwirtschaftsarbeit ist stupide. Nutzen Sie die dabei unbeanspruchten Denkressourcen ausschließlich, indem Sie darüber nachdenken, wie sie noch effektiver graben, säen, pflücken können. Merke: Ein hinreichend herunterreguliertes Hirn bringt auch keine Aggressionen zustande.
  • So urig, wie sich der Kontakt mit frischen Tierexkrementen anfühlt, der Kot von Kuh und Co. ist eine wertvolle Ressource und muss genauso schnell verwertet werden wie frische Trüffel.
  • Kehren Sie in die Großstadt zurück, übertragen Sie Ihre Härte im Nehmen vom Körper auf die Seele. Nun kann Ihnen keiner mehr was!

 

 

Das Kind, das auf dem Bauernhof in Georgien ein Schwein entsaften durfte, ist nach dem Urlaub friedlich wie ein Lamm.

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