Zukunft

09.06.3000 10:17

Wolf-Bernhard A. (53), Misanthrop aus Wissenbach:

Es ging schon am Flughafen los: Ich hatte zwei Wochen Bayrischer Wald im Jahr 3.000 gebucht (Zeitreise von Thomas Cook, €9999), weil es dort einen Mangrovenwald mit Wildkühen, Moorsümpfen und „heißen Bordellen im Erdmantel (100km unter Meeresspiegel) mit Allrace-Frauen“ geben sollte. Aber am Schalter der Lufthansa meinte die Schnalle mit dem Ledergürtel: „Wir haben heute starke Teilchenstürme im Langstreckenwurmloch, Sie müssen über Australien 2514 und Japan 2950 fliegen. Dauert drei Stunden länger. Beim Umsteigen in 2514 bekommen Sie dafür gratis die dann aktuelle Bild Zukunft.“

Darauf ich: „Hab mich gern!“, eingecheckt, eingestiegen, Nickerchen und im Terminal Sydney 2514 aufgewacht. Aber ich konnte nicht aufstehen und mir die Füße vertreten, weil ich auf dem Sitz sitzend automatisch in die nächste Maschine weiterbefördert wurde. Freilich nichts von der Umgebung gesehen, da Wetterglocke außenrum, eingestellt auf Intensivwolken und Dauerregen zwecks Bewässerung des Hochnährstoffmaises, wie es hieß. Na ja, Timespace Airport Tokio dann lauter blinkende Mensch-Maschinen-Hybride, ich in den Human-Info-Scanner hinein, alle meine Atome elektronisch ausgelesen, nach Bayrischer Wald, Jahr 3000, transferiert und re-materialisiert.

― Dachte ich, aber als ich ankam, merkte ich gleich, dass etwas oberfaul war. Ich saß noch immer auf dem Flugzeugsitz und zwar allein auf einem Berg. Neben mir eine Art Computer, der sicher nur deshalb nicht noch kleiner als ein Daumennagel war, damit man ihn sehen konnte. Daneben der Materialisator, äußerlich eine Leuchtelektrodenkabine in Telefonhäuschengröße.

Die Aussicht aber war gigantisch: Täler, so tief, dass ich ihren Boden nicht sehen konnte, andere Berge, die am Sichthorizont im blauen Himmel verschwanden. Dafür keine Spur von Mensch oder Tier, geschwiege denn Kirschen. Ich wollte ein paar Meter gehen, um zu sehen, ob nicht doch ein paar Schnitten da wären, aber ich prallte auf einen unsichtbaren Widerstand. Wahrscheinlich eine Art Schutzglocke aus Teilchen, denn die Höhe hätte ich kaum ausgehalten. Netterweise hatte ich Appetit, aber keinen Hunger, Dehydration, doch keinen Durst, Lust, aber weder Frau noch Erektion. 

Zwei Wochen später zurück in 2013 (immerhin per Direktflug) beschwerte ich mich sogleich bei der Schalterschnalle. Sie meinte, auf ihren Bildschirm blickend, ich sei versehentlich im Bayrischen Wald des Jahres 1.003.000 gelandet. Dann sah sie mich an, der Umfang ihrer Augen verdoppelte sich: „Was ist denn mit Ihrem Gesicht passiert?“ Ich verstand ihre Frage nicht, und sie brachte keine weiteren Worte hervor. Ich fischte den Handspiegel aus meinem Kulturbeutel und sah, dass ich zwei identische Gesichtshälften hatte. Netterweise war nun die Rechte doppelt vorhanden ― die, auf der mich einst der Verbindungsdegen gestreift hatte. Ich warf den Kulturbeutel zu Boden und sprang beidbeinig auf ihn. Die Schnalle stammelte, es sei wohl auf dem Rückflug durch die große Distanz zu Datenverlust gekommen, die Software des Materialisators habe offensichtlich die Information meiner linken Gesichtshälfte zum Ausgleich auf die rechte übertragen. Aber ich solle mich beruhigen, man würde mich „zeitnah“ entschädigen.

Eine Woche später lag ein Gutschein im Briefkasten: hundert Euro verrechenbar für einen Aufenthalt in einer Prager Schönheitsklinik. Einlösbar ab 1.4.2020, Anreise auf eigene Kosten. Arschkrampen!