Tropical Islands

03.06.2013 17:43

Wo es überall am Meer unter der Sonne so gleich zugeht, dachte sich Fernmeldeobersekretärin a.D. Annegret F. aus Berlin-Höhenschönhausen nach vierzig Jahren Pauschaltourismus, wieso dann nicht zuhause bleiben? ― Weil dort kein Meer ist und die Sonne nicht zuverlässig scheint! Doch dann fand sie einen Prospekt im Briefkasten, der ihr ganze 35 Kilometer südlich von Berlin Tropical Islands versprach. Eine tropische Urlaubswelt, Südsee mit echtem Sand, Bali-Lagune, Indoor-Regenwald u.u.u. Annegret sinnierte über lustige Dinge, die sie ihrem nichtnutzen Sohn später erzählen könnte und buchte eine Woche inklusive Übernachtung in der Premium-Lodge (€339/Nacht) und Monoi Tiare de Tahiti-Massage.

In Tropical Islands angekommen merkte Annegret sogleich, dass der Prospekt nicht gelogen hatte: Vom kristallblauen Wasser her, in dem sich bereits viele andere Touristen vergnügten, rauschte es laut. Nach einem Erkundungsgang durch die Biosphäre unter der Glasglocke war sie schnell von der Authentizität all der Palmen und Holzhütten, Schildkröten und Wasserfälle überzeugt. Gut, Moskitos gab es nicht, aber angenehm Authentisches genügte. Annegret entdeckte einen Mehrebenenturm, wie er in München als Chinesischer Turm einen Biergarten ergibt, und flog mit dem Heißluftballon bis zum Hallendach empor. Und siehe da: Alles, wofür sie anderswo stundenlang mit dem Jeep durch die Hitze fahren musste, passte tatsächlich in eine Halle.

Und im richtigen Urwald gab es kein Spa. Nach Körperpflege "Complete" (€55) schlug der Deluxe-Schnitt beim Friseur mit immerhin €75 zu Buche, worauf Annegret sich noch einen Quicky (€5) gönnte. Täglich nach Ende der Anwendungen lüftete sie ihren Geist auf dem Shopping-Boulevard und erstand Dekorationsgegenstände für alle, die sie kannte.

Gut, auf die ganzen Spaßrutschen und das Angebot der Outdoor-Aktivitäten hätte sie verzichten können, die allabendliche Show Varieté der Tropen hatte sie auf Bora-Bora mit weniger Technik und Frischfleisch besser gefunden, und sechs statt sieben Tage hätten es auch getan. Aber dass ihr Versagersohn sie anschließend für „total bescheuert“ erklärte, weil sie sein Erbe durch die Woche um immerhin 4000 Euro reduziert hatte, war ihr die Sache locker wert.