Sealand

20.10.2013 10:12

Nach Beendigung seines Professionslebens als Gruppenleiter bei der Finanzbuchhaltung der GEZ ersetzte Dankwart I. (63) aus Streitheim die Sinnlosigkeit des beruflichen Schaffens mit der Suche nach einer Bedeutung seines Daseins. Er reiste zwei Jahre lang durch Indien, erlebte stressreiche Armut, begegnete viel zu vielen Menschen  ̶  und traf auf die Verzweiflung anderer Sinnsuchender. Er fuhr mit einem mehrfach gebrauchten Lada durch Australien, mit dem Fahrrad von Feuerland nach Alaska und joggte ein paar Tausend Kilometer durch die Mongolei.   

Neben körperlichem Verschleiß und schlechtbezahlten Jobs zum Lebensunterhalt fand er nur die Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen. Durch einen Kinofilm erfuhr er von dem Fürstentum Sealand (Principality of Sealand), einer ehemaligen Militärplattform in der Nordsee zehn Kilometer vor der Küste Englands.

Auf gerade mal mehr 550 Quadratmetern (wenn auch à sieben Stockwerke) mit nur zwanzig Mitbewohnern kam er schließlich zur Ruhe. Die Spartanität der Stahl- und Betonkonstruktion und die Zurückhaltung der Mitbürger taten ihr Übriges. Dass Dankwart sich dem Prince Regent Michael of Sealand unterordnen, bei schmutzigen Deckarbeiten und Fischfang hinlangen musste, nahm er in Kauf, wo er die restlichen sechzehn Stunden mit sich und seiner schmucklosen Zimmerdecke allein war. Als aber der neoliberale Innovationsterror auch Sealand in Gestalt heißbegehrter Generatoren heimsuchte, begab sich Dankwart mit 72 erneut auf die Suche nach einem Ort wirklicher Tranquilität mit leicht gewährter Kost und Logie. Ein Jahr später erlag er auf Grönland seiner Einsamkeit.

 

 

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