Post mortem in den Orbit

17.05.2015 14:23


Alfred Ws (63) Kindheitsraum der Raumfahrt blieb so unerfüllt wie der Millionen anderer, die als Junge Astronaut werden wollten. Doch auch die realistischeren Träume vom eigenen Kiosk (Kreditbetrug), einer eigenen Familie (Mittellosigkeit) und einem Lebensabend trotz ALS-Erkrankung wollte ihm das Schicksal nicht erfüllen. So entschied sich Alfreds Bruder Dieter (60, Anlagenmechaniker für TV-Schüsseln), Alfred wenigstens post mortem den Traum vom Weltallflug zu erfüllen. Für die 2500 Euro einer normalen Orbital-Weltraumbestattung, die er so eben aufbringen konnte, durfte ein ganzes Gramm des geliebten Bruders ins Weltall.

Nach dem qualvollen Ableben ließ Dieter den Körper des geliebten Bruders kremieren. Gegen einen stattlichen Aufpreis erhielt er ein Gramm von Alfreds erkalteter Feuerglut in einer Kapsel ausgehändigt.

Alfred erlebte seine Metamorphose als unbewusste Ofenglut. In Gesellschaft der Brandrückstände hunderter anderer Menschen gelangten seine Ich-Krümel in eine Raumkapsel. Aus Kostengründen schoss man sie in eine niedrige Umlaufbahn. 300 Kilometer über der Erde fiel Alfreds Kapsel ununterscheidbar von den anderen Kapseln ins All. Der Pillencluster diffundierte schnell auseinander. Es konnte seinem Ich nichts mehr anhaben. Alfreds Mikrorest mäanderte einige Tage lang ziellos zwischen den Schrottresten von TV-Satelliten und Legosteinen herum. Seine himmlische Aussicht auf den blauen Planeten erfuhr mangels Bewusstseins keine Wahrnehmung. Schließlich fielen Alfreds Aschestaubteile zurück in die Erdathmosphäre. Einige wurden Bestandteil einer Mini-Sternschnuppe, und Alfred durfte ein zweites Mal verglühen.


 

Pech gehabt: Dieser bedauernswerte Hund überlebte seine Einäscherung, wodurch er nicht in den Genuss einer Weltraumbestattung kam.