Nahtodreisen

18.08.2013 10:26

 

Nahtodreise f: Urlaub, bei dem man nahe an den Hades gelangt; Todesgefahr kann selbst- oder fremdverursacht sein. Reise endet i.d.R. in einseitig beleuchtetem Tunnel.

 

Walter O. (23) , Abrissspezialist aus Straßlach-Dingharting, hatte sich auf Ibiza im Club Punta Arabi bereits mit einem Sixpack aus der Bierpistole gestärkt, als die Janina (19) seiner Begierde ihm nicht glauben wollte, dass er ihren Freund Ronny (25-27 oder 29) beim Tequila unter den Sand trinken würde. So hielt Janina beiden abwechselnd die Tequilapistole an die Trinköffnung, während die sich schnell bildende Traube fröhlich kommentierender Jungmenschen die korrekte Aufnahme des Agavenbrands kontrollierte. Gewänne Walter den Wettstreit, dürfte er den Rest des Abends mit Janina verbringen; siegte Ronny, müsste Walter blankziehen, einmal um den Club laufen und "Ich bin so warm wie du" singen.

Mit der Attitüde der Coolness schluckten Walter und Ronny die ersten fünf Schnapsschwälle weg. Bei Nummer sechs bekam Walter weiche Knie, - und nicht weil eine heiße Inge ihm die Reste von der Wange leckte. Ronny dagegen ließ sich weiter keine Wirkung anmerken und steckte siegesgewiss nach jeder Runde seine Zunge in Janinas Rachen. Walter tanzte und sang, um seinen Kreislauf anzukurbeln, damit dieser seinen Pegel bewältigte. Nach Tequila #9 sank Ronny einem nassen Sack gleich in Janinas Arme und, da sie ih nicht halten konnte, zu Boden. Sie zerrte ihn hoch, ein Riesenguss löste sich aus seinem Magen und erhöhte den Pegelstand des Pools. Nach einem Schlucker Poolwasser konnte er bereits wieder lallen: "D krgst s ncht!"

Damit Walter den Wettstreit eindeutig gewonnen hätte, musste noch Tequila #10 seinen Schlund hinab. Janina drückte auf den Auslöser, Walters Rückenmark öffnete ihm Mund und Hals, er torkelte rückwärts - und hatte gewonnen! Janina, die ihren weiten Badeanzug übervollständig ausfüllen konnte, hielt schützend die Arme auf, damit er sich obenrum an ihr festhalten konnte. Walter wollte - sofern er noch einen Willen besaß - sie von obenrum in Besitz nehmen, steuerte aber daneben, fädelte dafür mit seinem Fuß an ihrem Gebein ein, hob ab, fiel wie eine Bahnschranke - und bremste mit der Visage auf den Steinfliesen des Poolrands.

Ein mächtiger Sternenhimmel tat sich vor Walters geschlossenen Augen auf. Die Gewölbe des Firmaments schwankten, krachten auf- und verschmolzen ineinander. Wie in einem verwackelten Film zogen Bilder von Walters schlimmsten Saufabstürzen auf seiner Iris vorbei. Das letzte Wackelmotiv war das eines Babys an der Mutterbrust - es ähnelte Fotos seiner selbst bei diesem Vorgang. Dann verschwanden all die diffusen Eindrücke zugunsten eines allumfassenden, wabenden Schwarztunnels. Doch siehe da, ein oszillierendes Licht an seinem Ende! Es kam ihm näher und erfüllte das schwarze Nichts mit edensgleicher, sich um die eigene Achse drehender, Herrlichkeit. Wllst d z mr?, schien es mit engelhaft-weiblicher, aber schlenkernder Stimme zu sagen. War die Engelin auch besoffen? Ihre Stimme klang sexy; Walter überlegte nicht lange und torkelte in das Licht ...

"Welcome back!", erklang es auf einmal ganz klar. Walter blickte ins grelle Licht einer Stablampe, die ihm eine überreife Sanitäterin vors Auge hielt. Er lag auf einer Trage auf der Lagefläche eines Krankenwagens. Er war dem Tod so nahe gekommen, dass die irdische Belohnung für seinen Wettsieg Wettsieg  und der Rest des Urlaubs ausfielen. Doch er wusste nun: wann immer es für ihn im verbleibenden Leben schlecht laufen sollte, es wartete ein Säuferparadies auf ihn.

 

 

Viele Nahtodreisen enden in Gesellschaft von Tierkadavern.