Homöopathisches Wandern

14.05.2013 15:39

Beim Kneippschen Prinzip Wirkung durch Reizauslösung hat man die Essenz mit dem Bade ausgeschüttet. Gewiefte Walking-Anbieter haben nun einen Weg gefunden, um Kneipp wieder vom verdrehten Geist auf die Füße zu stellen und obendrein zwei Schulen der Naturheilkunde zu vereinen: Homöopathisches Wandern.

Viele Menschen glauben an das Prinzip „viel wirkt viel“, schließlich stellen sich Fußblasen für gewöhnlich erst nach einigen Kilometern Weges ein. Leichenvisagistin Marlies O. (58) aus Paderborn litt ihr Leben lang an einer Ballenfehlstellung; Orthopäden und Chirurgen traten bei ihr auf der Stelle. War in der Schule „Wandertag“, blieb sie zuhause und versuchte sich vergeblich in Handstandlaufen.

Marlies’ erste homöopathische Wanderung lautete „Rund um das Neuhäuser Schloss“: eine halbe Stunde Gehen mit zwei lehrreichen Pausen. Das homöopathische Wandern, so erfuhr sie, wurzelt im jüdischen Sabbatgebot, maximal tausend Schritte zu tun. Quantitativ genauso überzogen sei jedoch die Weisheit des Lyrikers Johann Balthasar Schuppius (1610-1661) „nach dem Essen sollst du ruhn oder tausend Schritte tun“.

Marlies’ Füße fühlten sich nach der Wanderung entspannt und gut durchblutet an, auch ihr Kreislauf lief rund. Doch sie merkte, dass bei Fernzielen die Wirkung durch die Vorfreude während der Hinreise und die Reflektierung des Erlebten auf der Rückfahrt noch größer waren. Bei ihrer zweiten Wanderung „bedachtes Gehen im Reptilienhaus“ im TerraZoo Rheinberg wurde Marlies klar: Da nur eine ganz kurze Strecke benötigt wird, gibt es überall geeignete Ziele.

Fortan konnte sie ihre eigene Lehrerin sein, längere Anfahrtszeiten mit hochgelegten Füßen in der Bahn und kürzere Gehzeiten steigerten die Wirkung. Sie wanderte in Koblenz vom Deutschen Eck zum Rhein, bestieg den Münchner Monopterus, die Wiener Falcostiege und umschritt in die Tharandter Kuppelhalle, wo sie obendrein männlichen Anschluss fand.

Als Marlies aber von indischen Sadhus hörte, die ihr Leben lang auf der Stelle stünden und dabei schmerzfrei und glücklich seien, befand sie die Grenze der Homöopathie dann doch für überschritten.